Fronleichnam: Gebrochenes Brot für gebrochenes Leben!

Wie bereits im vergangenen Jahr haben wir auch in 2016 das Fronleichnamsfest am 25. Mai  mit den Gemeinden der Seelsorgeeinheit Stuttgart-Mitte gefeiert. Es war ein großes Fest unseres Glaubens. Pfarrer Heil hat in seiner Predigt das Leben in all seinen Facetten und Herausforderungen in den Blick genommen: als Christinnen und Christen sind wir gefordert, der Gebrochenheit und den Fragen in unserem Leben nicht mit vorschnellen Antworten und Pragmatismus zu antworten, sondern in und aus der Begegnung mit Jesu im Zeichen des gebrochenen Brotes Kraft und Ermutigung zu finden, Schritte des barmherzigen Miteinanders zu wagen, gerade auch in der Stadtmitte Stuttgarts mit ihren vielfältigen Seiten. Das Fest klang mitten auf der belebten Königstraße bei Brot und Wein aus.

Hier der Wortlaut der Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder unserer Kirchengemeinden,
der muttersprachlichen Gemeinden und Gemeinschaften
hier in der Stuttgarter Innenstadt,
liebe Gäste aus Nah und Fern,
liebe Kinder und Erwachsene,

wir sind feierlich hier im Schlossgarten versammelt. Wir sind gekommen, weil wir ernst machen wollen mit dem, was uns seit der Taufe auf den Kopf hin zugesagt worden ist: folge mir nach! Heute, wie damals, sind Menschen um den einen Tisch versammelt, um den Glauben miteinander zu teilen, um das Brot miteinander zu brechen und im Weiterreichen des Brotes satt zu werden. Damals, in der Zeit, von der Lukas in seinem Evangelium spricht, waren die Menschen um Jesus versammelt. Er erzählte ihnen, was es mit dem Reich Gottes und seiner Botschaft auf sich hatte. Sie brauchten damals noch keinen Altar, um den sie sich versammelten. Ihnen genügte die Anwesenheit jenes Menschen, von dem sie sich Heilung an Leib und Seele erhofften.

Und Jesus kommt ihrer Sehnsucht liebevoll entgegen. Lukas beschreibt dies beinahe als Nebensache: „In jener Zeit redete Jesus zum Volk über das Reich Gottes und heilte alle, sie seine Hilfe brauchten.“

Was muss da für ein Tumult gewesen sein? Wer will nicht in der Nähe eines Menschen sein, der Heil und Heilung verspricht und diese sogar einlöst?

Wir merken: uns verbindet mit den Nachfolgern und Jüngern Jesu damals ungemein viel. So kann ich mich heute Morgen hier vor dem Neuen Schloss selbst anfragen: warum bin ich heute hierhergekommen? Was bringe ich mit hierher? Welche Fragen und Zweifel beschäftigen mich? Worin brauche auch ich Heil und Heilung, die ich mir nicht selbst geben kann?

Wir feiern mit dem Fronleichnamsfest eine eindeutige Zusage Gottes: er erneuert seinen Bund, der von Anfang an mit der Schöpfung gilt, noch einmal: er buchstabiert sich immer wieder neu in die Welt hinein und ist bleibend in ihr gegenwärtig. Im Zeichen des gebrochenen Brotes berührt Gott die Welt, Deine Welt, und legt sich Dir als größtes Liebeszeichen, das er jemals geben kann, selbst in die Hand.

Noch einmal kann ich mich also fragen: wie bin ich heute hier? In welche Fragen und Sorgen hinein darf Jesus mit begegnen? Fronleichnam ist bei aller Schönheit, die wir hier miteinander feiern, auch das Fest der Brüche und der Ohnmacht. Unserer Brüche. Unserer Ohnmacht. Fronleichnam geht an den Brüchen unseres Lebens nicht vorbei. An Fronleichnam feiern wir einen Gott, der genau in unseren Hunger nach Geborgenheit, nach Angenommensein, nach Geliebtsein das so einfache Zeichen seiner Gegenwart gibt: sich selbst im Zeichen des gebrochenen Brotes.

Wir Menschen leben ein gebrochenes Leben. Kein Leben ist immer nur eitel Sonnenschein. Gott sei Dank. Fronleichnam ist für mich in diesem Jahr das Fest, das mich mit den Brüchen unserer Zeit konfrontiert und meine offenen Fragen ernst nimmt. So frage ich mich:

Die Bruchstückhaftigkeit unseres Lebens wird mir bewusst, wenn in diesen Tagen wieder einmal die Schreckensbotschaft vom Absturz der EgyptAir-Maschine in den Nachrichten auftaucht. Bruchstückhaftigkeit wird mit bewusst, wenn es lange Zeit nicht einmal möglich war, ein Bruchstück dieses Flugzeuges zu entdecken. Menschen werden mitten aus dem Leben gerissen. Menschen mit Fragen, die auch meine sein könnten. Menschen mit Hoffnungen, die auch meine Hoffnung sein könnten. Menschen mit Visionen, die auch mich antreiben könnten. Was bleibt? Menschen vor den Trümmern ihrer Traurigkeit. Menschen vor den Fragen nach dem Sinn des Lebens. Menschen mit der Frage nach einen liebendem Gott angesichts des Verlustes eines lieben Menschen.

Die Bruchstückhaftigkeit unseres Lebens wird mir bewusst, wenn sich in diesen Tagen ein Mensch in den USA für 250.000 US Dollar eine Waffe ersteigert, mit der ein 17jähriger Jugendlicher erschossen wurde. Ein Mensch hat vor wenigen Jahren einem anderen das Leben genommen und macht das Mordinstrument als ein zutiefst fragwürdiges Zeichen der, wie es sagt, „amerikanischen Geschichte“, zu Geld. Wo bleiben hier die so notwendigen Zeichen der Solidarität mit den Leidenden und Fragenden? Wo bleibt der Aufschrei einer großen Nation, die sich einst einmal die Freiheit eines jeden Menschen auf die Fahnen geschrieben hat?

Die Bruchstückhaftigkeit und Brüchigkeit unseres Lebens wird mir bewusst, wenn sich Menschen in unserem Land mit vorschnellen und mir nicht hinreichenden Antworten zufriedengeben, die dem Gebot der christlichen Nächstenliebe und Solidarität den Boden entreißen? Warum geben sich so viele mit schnell gesagten und kaum hinreichenden Parolen zufrieden und sind nicht bereit, tiefer zu blicken? Welche Angst treibt viele Menschen um und macht sie blind für das Erkennen der Zeichen der Zeit?

Die Bruchstückhaftigkeit der Welt wird mir bewusst, wenn mir Menschen, die auf der Flucht waren und hier nun endlich einmal ankommen dürfen in der Begegnung von ihren Lebensgeschichten erzählen. Wenn mir bewusst wird, in welchem Luxus und in welcher Freiheit ich leben kann? Wenn ich höre, wie oft das Leben manch einer Frau auf der Flucht am seidenen Faden hing und welche Traurigkeit und Verletzung entsteht, wenn Menschen gegen Menschen handeln?

Und Deine eigene Erfahrung von Bruchstückhaftigkeit? Was kannst Du heute hier und jetzt dazulegen?

Was wir heute im Evangelium gehört haben, will ein Gegenwort sein. Wenn sich das einfach Zeichen des Brotes wandelt in die wunderbare Gegenwart dieses Gottes mitten in der Welt, dann ist das ein eindeutiges Zeichen: Gott geht an der Not der Welt und seiner Geschöpfe nicht achtlos vorüber. Im Gegenteil: hinein in eine gebrochene Welt lässt er sich selbst brechen. Und er lässt sich verschenken und Dir in die Hände legen.

Die Botschaft des heutigen Festes ist für mich eindeutig: Gott geht an den Brüchen unseres Lebens nicht achtlos vorüber. Er kennt uns und nimmt uns in unseren Fragen und Zweifeln ernst. Die Botschaft des Evangeliums heute lautet: „in eurem Hungern nach Sinn und Antworten werdet Ihr satt werden!“ Nicht umsonst heißt die Botschaft bei Lukas: „Wer dieses Brot isst, wird leben!“. Vielleicht hilft es, wenn wir diesen Satz gedanklich erweitern: „Wer dieses Brot isst, wird wieder leben!“

Wieder leben heißt hier nicht, dass alles heil werden wird. Wer ein Leben führen will, das ohne Ohnmächte und Zweifel auskommen soll, der wird bitter enttäuscht werden. Das Fronleichnamsfest sagt mir hier: Du hast die Kraft, Deine Fragen und Zweifel, Deine Hoffnung und Zuversicht zusammen zu sehen. Mit dem gebrochenen Brot in Deinen Händen erhältst Du die Chance, die Brüche in Deinem Leben zu bejahen und ihnen ein neues Gesicht zu geben.

Und wenn es Dir gelungen ist, dann ist damit zugleich ein Auftrag verbunden. Lukas lässt ihn Jesus so formulieren: „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ Nur, wer selbst erfahren hat, dass diese Speise trägt und stark macht, kann selbst weitergeben. So sind wir eingeladen, aus der Kraft dieser Speise aufzustehen gegen die Bruchstückhaftigkeiten unserer Tage, unserer Stadt, unserer Kirche, unseres Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir können gar nicht anders, als dieses großartige Zeichen der Liebe Gottes in die Straßen und Gassen unserer Stadt zu tragen. Das ist es, was Jesus mit dem Auftrag meint: „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ Diesen Auftrag erfüllen wir, wenn wir Jesus Christus im Zeichen des gewandelten Brotes in die Stadtmitte hineintragen. Nahrung für den Leib, aber mehr noch: Nahrung für die Seele. So ein kleines Stück Brot und der winzige Schluck Wein will so viel mehr sein. In dieser Erfahrung schreibt Lothar Zenetti einmal:

Ein Stück Brot
in meiner Hand
mir gegeben

dass ich lebe
dass ich liebe
dass ich Speise bin
für die andern

Ein Schluck Wein
in meinem Mund
mir gegeben

dass ich lebe
dass ich liebe
dass ich Trank bin
für die andern.

AMEN.

(Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2006.)

Bild: Pfarrbriefservice.de