Osterpredigt von Pfarrer Heil

Zu Ostern stehen die Erzählungen von den Ostererfahrungen der Jünger, allen voran Maria von Magdala und Johannes, im Mittelpunkt. Aber auch viele andere Erzählungen des Neuen Testamentes sind nur von Ostern her zu verstehen. Ostern ist jeden Tag!

Es fehlen mir jedes Jahr die Worte. Geht es Euch und Ihnen auch so? Binnen weniger Tage feiern wir Tod und Leben in dichtester Weise. Gerade eben verklang das „Hosianna“, „kreuzige ihn“ hinein in eine große Stille der Grabesruhe. Ich habe noch den Klang des Evangeliars in den Ohren, der zum Tod Jesu am Karfreitag mir in Mark und Bein drang. Und jetzt: jetzt feiern wir in dieser wunderschönen Kirche das Größte, was Gott für uns bereithält: ER LEBT!

Da kann ich nur in Ehrfurcht verstummen. Ich nehme noch einmal jene Haltung der Demut. Ich verneige mich vor diesem Gott, der sich in meine Niedrigkeit herabgesenkt hat. Weil er mich liebt. Weil er ein leidenschaftlicher Gott ist. Weil er ein barmherziger Gott ist. Weil er der „Ich-bin-da“ ist. Jeder Versuch, dies in Worte zu kleiden, muss scheitern. Also: Ende der Predigt?

Sicher nicht, vielleicht hilft es uns aber, wenn wir einen Blick in die biblische Überlieferung werfen. Denn auch den ersten Zeugen der Auferstehung sind Augen und Ohren aufgegangen. Mit ihnen blicken wir zum erhöhten Christus in unserer Kirche. Doch wer blickt denn da mit uns auf zum Herrn? Es ist an diesem Osterfest leichter, zu sagen, wer wohl nicht zum Herrn aufblickt, wem schon vor Ostern die Sprache verschlagen hat. Es sind jene, die sich aus dem Staub gemacht haben. Weit entfernt davon ist der Machthaber Herodes, der all seine Interessen darauf lenkte, seine Macht zu erhalten. Dabei scheute er nicht zurück, aufsteigende Konkurrenten aus seiner nächsten Verwandtschaft umzubringen. Keine Auferstehungserfahrung wird von jenen überliefert, die Jesus abgelehnt haben, weil er ihrem Denkmuster nicht entsprach. Sie hätten zugeben müssen, dass ihre Meinungen ergänzungsbedürftig sind. Auch jenen konnte der Auferstandene keine geistigen Türen öffnen, die ihr bisheriges Leben als das ein und alles betrachteten. Dazu gehören jene, deren Interessen nur um sie selber kreisten. Mitgemeint sind auch die Schriftkundigen, die so taten, als wüssten sie über alles Bescheid.

Ganz anders: die ersten Zeugen der Auferstehung! Sie lehren uns, was wir immer wieder neu feiern. Warum wir immer wieder neu Ostern feiern, jedes Jahr: weil wir nie ganz begreifen können, wie groß dieses Liebeshandeln Gottes an uns ist. Immer wieder neu wird uns wie Maria von Magdala und ihrem Weggefährten Johannes auf den Leib zugesagt, was unsere Hoffnung ist. Was uns trägt – zum Leben:

Johannes, der Lieblingsjünger, hat eine Ahnung, was Ostern bedeutet: Seine Liebe zu Jesus lässt ihn mehr sehen als ein Fotoapparat. Die Leinenbinden liegen an ihrem Platz. Das Schweißtuch ist feinsäuberlich zusammengebunden an seiner besonderen Stelle. Das sieht nicht nach einem Raub aus, wo Feinde heimlich und blitzartig zugegriffen haben. Fein säuberlich liegt es nun hier in unserer Kirche. Es ist uns ein Zeichen, dass Auferstehung auf im Hier und Jetzt stattfindet: wenn sich der Schleier des Todes und der Selbstverliebtheit legt. Wenn wir plötzlich wieder klar sehen. Wenn sich uns plötzlich etwas aufgeht: DAS ist eine ganz persönliche Auferstehungserfahrung. Unser Tuch im Altarraum ist der Stille Zeuge einer der wichtigsten Erfahrungen für uns als Glaubende: Jesus lebt! Wo eben noch sein Haupt lag, ist nun Leere. Wo eben noch Tränen auf das Tuch fielen, erstrahlt nun österliche Freude.

So braucht es keine Worte, um von Ostern zu sprechen. Es braucht nur ein offenes Herz und ein offenes Auge, um von Ostern zu erzählen und Ostern zu begreifen.

Ostern heißt: unser Leben ist in göttliches Licht getaucht! Ostern taucht alles, wo wir uns um Gutes bemühen, in göttliches Licht. Auch in Lebensphasen, die nach Karfreitag aussehen, ist der österliche Kern enthalten. Das darf uns freuen und neuen Mut machen. Halleluja!