Predigt zum Hochfest Petrus und Paulus (Pfr. M. Heil)

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder!

ist es nicht merkwürdig, dass wir am 29. Juni der beiden Apostel Petrus und Paulus gedenken, obwohl sie doch, wie wir in der Bibel nachlesen können, so grundverschieden waren, dass sie hätten wohl kaum zusammen arbeiten können?

 

Petrus und Paulus – was für ein Gegensatz!

Blicken wir auf die beiden Personen: Petrus war ein einfacher Mensch, unkompliziert. Ein Fischer, der sein Boot, seine Arbeit und den See Genezareth kennt, ein bodenständiger Mensch, würden wir sagen. Paulus hingegen war ein gewandter und gebildeter Weltmensch, der sogar schon zu seiner Zeit größere Reisen unternommen hat. Vielleicht auch ein Träumer, ein Idealist, einer mit großen Visionen. Petrus war verheiratet, Paulus ehelos. Petrus bezeichnet man eher als konservativ, vorsichtig, keine Experimente wagend. Tradition ist ihm heilig. Wohl ein klassischer Vertreter des kirchlichen Amtes. Er wird ja auch der „erste Papst der Kirche“ genannt. Paulus dagegen hat den Mut, auch neue Bahnen zu beschreiten. Er ist progressiv, weltoffen. Selbst anerkannte Konventionen gibt er auf, wenn sie der Sache im Wege stehen. Paulus betreibt ein grandioses „Aggiornamento“. Er reißt die Fenster der engen Vorstellungen auf und will möglichst vielen Menschen die Heilbotschaft Jesu Christi zugänglich machen. Schon diese ersten Gedanken zeigen:

Petrus und Paulus sind so unterschiedlich, wie zwei Menschen auch nur sein können. Die beiden sind ein beispielhafter Gegensatz.

Petrus und Paulus – ein Paradigma für unsere Zeit

Gegensätze, sie existieren scheinbar in allen Bereichen unseres Lebens. Wir finden sie in unserem Nahbereich. In unseren Partnerschaften, Familien, in der Schule, am Arbeitsplatz, vielleicht sogar in uns selbst. Wir finden sie aber auch beim Blick auf unsere Gesellschaft: im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Und der Blick auf unsere Kirche und Kirchengemeinden lässt erahnen: auch dort finden wir jede Menge gegensätzliche Haltungen, Lebenseinstellungen und Grundhaltungen. Meines Erachtens ist dies nicht einmal so schlecht. Das hinterfragt nämlich manche Selbstverständlichkeit. Gegensätzliche Haltungen und Meinungen bringen gesellschaftliches Miteinander weiter und ermöglicht Entwicklung. Kirche und Welt leben stets von der Konfrontation, von der Spannung zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Gesetz und Freiheit. Diese Spannung bringt uns nach vorne. Wenn sich jedoch beide Seiten absolut setzen oder gar bekriegen, gerät alles Bemühen um Fortschritt auf eine schiefe Bahn. Und so sind es auch die dunklen Kapitel in der Kirchengeschichte, wenn beide Pole sich als absolut wahr setzten und sich deshalb bekämpften, als ob jemand wirklich die absolute Wahrheit wüsste.

 

Petrus und Paulus – Gegensatz und dennoch ein Bild von Kirche

Wir sind die petrinische Kirche, sagen die einen. Im Petersdom in Rom steht in großen Buchstaben, was wir eben im Evangelium gehört haben: „Du bist Petrus, der Fels.“ Das bedeutet natürlich Festigkeit, Garantie, Stabilität. Selbst die Werbung hat dies längst erkannt. Ein bekanntes Versicherungsunternehmen wirbt mit dem Spruch: „Wir sind der Fels in der Brandung!“ Offenbar setzt sie auf das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit im Leben. Fels-Sein kann aber auch heißen: Unbeweglichkeit, Hartnäckigkeit, Starrheit.

Wir sind die paulinische Kirche, sagen die anderen. Beweglich, modern, frei und undogmatisch, offen für Neues, mit Visionen. Wir sprechen über Familienbilder, über die Rolle der Frau in unserer Kirche, über die Sinnhaftigkeit von Zölibat und wie wir Menschen in dieser Zeit wieder erreichen können. Aber dafür sind sie auch anfällig für Unsicherheiten, Spaltungen und Glaubensstreit. Die Diskussion um die „Ehe für alle“ und die Turbulenzen, welche diese in der katholischen und evangelischen Kirche ausgelöst haben, sind nur ein kleines Beispiel dieser Erfahrung.

 

Petrus und Paulus – zwei gegensätzliche Streiter und Eiferer für die Einheit

Petrus und Paulus sind in der Tat zwei historische Persönlichkeiten und sind zugleich zwei große Gegensätze. Zwei Menschen, die streiten, die aber immer auch die Einheit suchen, weil sie im Grunde von der gleichen Erfahrung leben. Sie haben das gleiche Ziel vor Augen: Die Kirche Jesu Christi. Und jeder der beiden hat nach Kräften versucht, sie auf der Welt sichtbar werden zu lassen. Dabei waren sie keineswegs perfekt: jeder von ihnen hat, wie wir wissen, einmal versagt. Petrus hat Jesus verleugnet und ihn in seiner schwersten Stunde verlassen. Die Kirchturmhähne erinnern und ermahnen uns deshalb ständig daran. Paulus hat Unschuldige verfolgt und getötet, nur weil sie anderer Überzeugung waren. Aber immerhin haben sie versucht, wieder gutzumachen, indem sie sich zuletzt ganz für die Gemeinden und deren Mitmenschen einsetzten. Beide haben sich zu der Tatsache bekannt, dass der Mensch letztlich verwiesen ist auf einen Mächtigeren. Für sie war es Jesus von Nazareth. Den Traum von einer Kirche Jesu Christi, für ihren Glauben, bezahlten beide auch mit ihrem eigenen Leben.

 

Petrus und Paulus – Paradigma für unsere Kirche

Petrus und Paulus sind in der Tat zwei große Gegensätze, denen die Kirche trotzdem einen gemeinsamen Gedenktag zugesteht. Es ist in der Tat ein wertvoller Besinnungstag, wenn man dabei die Erkenntnis gewinnt, dass die wahre Kirche Jesu letztlich beides ist: Petrus und Paulus, Festigkeit und Offenheit. Beides, in einer unlösbaren Spannung, die es nicht nur in der Kirche, sondern im Leben jedes Einzelnen gibt. In der Kirche, wie in unseren Gemeinden, in allen Gemeinden unserer Diözese gibt es Vertreter beider Denkrichtungen. Sie erinnern uns daran, dass wir heute nicht das Fest Petrus oder Paulus, sondern das Fest Petrus und Paulus feiern. Dieser Gedenktag will für uns ein Programm unseres eigenen Lebens sein, unseres Christseins.

Wenn wir beide Seiten in unserer Kirche und in unserer Gemeinde, vor allem aber in unserem Herzen zulassen können und im Vertrauen auf den Hl. Geist beides wachsen und gedeihen lassen können, dann bin ich überzeugt, dass Gemeinde und Kirche im Namen von St. Peter und Paul eine Zukunft haben werden. Nur Petrus oder nur Paulus wäre zu einseitig.

So, wie ich unsere Gemeinden einschätze, können wir durchaus auch stolz von uns sagen, dass es in ihnen beides gibt: Dass die Vielfalt dieser Denkweisen und Überzeugungen in vielen Bereichen unseres Gemeindelebens zum Ausdruck kommen. Unser Gemeindeleben ist in der Tat bunt und vielfältig, das macht sie wie einst die Urgemeinden spannend und interessant, manchmal auch aufregend.

 

Petrus und Paulus – zukunftsweisend

Wie die Apostel Petrus und Paulus haben wir alle dasselbe Ziel vor Augen: wir wollen die Botschaft Jesu verkünden, wir wollen Gemeinde gestalten und aufbauen, wir wollen Gottes Reich schaffen und die Welt menschlicher gestalten, wir wollen unseren Sendungsauftrag ernst nehmen und unsere Charismen und Fähigkeiten einbringen, der eine eben mehr im Sinne des Petrus, der andere mehr im Denken des Paulus. Wir bauen gemeinsam am Reich Gottes.

Bitten wir um den Heiligen Geist, dass er uns die nötige Ruhe, Gelassenheit und Freude schenkt, Gottes Wort wie Petrus felsenfest und wie Paulus missionarisch zu leben und zu bezeugen. Ich bin sicher, dass wir dabei einer spannenden Zukunft entgegen gehen werden. Amen.