Predigt zum Karfreitag: Das Kreuz – mehr als ein Schmuckzeichen

 

Pfr. Michael Heil – Das Kreuz – mehr als ein Schmuckstück
Predigt zum Karfreitag 2016

„Ist das ein schönes Kreuz“, so klingt es eben noch in meinen Ohren, als ich durch die Schmuckabteilung eines einschlägigen Geschäftes in der Königsstraße schlendere. Beim Verlassen des Geschäftes in Richtung der Domkirche – auf dem Weg zum Gottesdienst – gerate ich ins Stocken. Ich muss mir einen Moment Zeit nehmen, um über diesen Satz nachzudenken:

Ein Kreuz, kann das „schön“ sein? Das Kreuz, das ich um den Hals trage, ist das ein „schönes“? Nüchtern betrachtet, als reines Accessoire, ja, da kann das Kreuz wohl in der Tat „schön“ sein. Aber jenes Kreuz, das ich mir bewusst ausgewählt habe, das ich um den Hals trage und nur beim Arzt zur Untersuchung ablege, ist das „nur“ ein Mittel, um mich besser in Szene setzen zu können? Ist es nur noch ein „Anhängsel“, im wahrsten Sinne des Wortes?

Beinahe nur noch ein edles Schmuckstück – das Kreuz. NEIN.  Die Künstlerin, die uns dieses wunderbare Tuch geschenkt hat – sie hat ein Kreuz hineingenäht. Warum? Man müsste sie fragen. Das Kreuz: mehr als ein Zeichen im Alltag. Das Kreuz, ein bewusst gesetztes Zeichen. Doch: wofür, wogegen, weswegen?

Ein Zeichen für Leid und Marter – kann man es noch getrost und ohne schlechtes Gewissen den Menschen zeigen? Für viele ist das Kreuz nur noch ein Symbol aus einer alten, grausamen Zeit, das die Christen in unserer Zeit zu einem Friedenszeichen umgedeutet haben.

Doch – wie über Nacht – wird dieses Zeichen in seiner ganzen Härte und Grausamkeit, aber auch mit seiner Hingabe und Liebe zu Gott aktuell. Nicht nur Einzelfälle – laufend werden heute Menschen – Christen – ans Kreuz geschlagen – sterben am Kreuz für ihren Glauben. Nicht, wie oft erzählt wird, dass die alten Märtyrer den Tod am Kreuz selber herbeigesehnt hätten, wie ihr Meister und Herr am Kreuz zu sterben zu dürfen! Nein: es sind Menschen, die gerne leben, die einfach in Frieden leben wollen. Sie müssen rechnen, dass sie vertrieben werden, ausgeplündert, dass sie ans Kreuz geschlagen werden.

Und der Grund ist: weil sie an diesen Christus glauben. Sie schwören ihm nicht ab, treten nicht aufs Kreuz, im Gegenteil: sie richten es auf, wie wir hier in unserer Kirche. Und beugen sich nicht diesem brutalen muslimischen Terror im vorderen Orient, in Afrika und in Indonesien – und jetzt schon wieder ganz nah bei uns hier in Europa. Was in Belgien passiert muss mich in eine große Unruhe versetzen: Auch heute „kreuzigt“ am Menschen, wie man damals Jesus gekreuzigt hat, aber nur viel schlimmer. Obwohl: gibt es da einen Unterschied, wohl kaum. Der erzwungene Tod, er bleibt grausam. In 50 Staaten der Welt gibt es grausame Christenverfolgung – heute!

Überhaupt die meisten, die heute um ihres Glaubens willen verfolgt werden, das sind Christen, Brüder und Schwestern von uns. Und so was in unserer hochmodernen, zivilisierten Gesellschaft, in der die Freiheit, besonders auch die Religionsfreiheit so hoch geschätzt wird! Und wir, die christlichen Länder, stehen dem hilflos gegenüber. Wir sind einer ganz anderen Haltung verpflichtet. Einer Haltung, die sich aus der Verkündigung dieses Jesus von Nazareth speist und die aus der Erfahrung des Karfreitag lebt. , Der Weg Jesu ans Kreuz ist ein Weg mit und für uns Menschen. Ein beispielhafter, ein ganz anderer.

Damals, vor 2000 Jahren, als so viele Christen den Märtyrertod gestorben sind, da wurde das zu einer Aufbruchssituation. Auffallend viele wollten getauft werden. Der Gott der Christen hat viele Menschen, die vom Leben enttäuscht waren, angezogen und umdenken lassen. Es war für sie was Besonderes, einen Gott zu verehren, der kein Krieger ist, kein Eroberer, kein Menschenverächter, sondern ein Gott des Lebens, der Liebe, der selber leiden konnte und für die Menschen Leiden auf sich nahm, Kreuze der Menschen mittrug mit seinem eigenen Kreuz. Genau das wurde damals zur Kraft und Stärke der Christen: Leiden mitzutragen, weil auch ihr Gott ein mitleidender, ein barmherziger war. Das hat den Christen einen verrückten Auftrieb gegeben. Es war diese Kraft: Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten. Diese Kraft ließ sie alle Verfolgungen überstehen. Sie sind herausgegangen gestärkt mit den Vertrauen: „Das Blut der Märtyrer ist Samen für viele neue Christen.“

Ich denke, dass wir Christen heute vor einer neuen, ähnlichen Bewährungsprobe stehen, nicht nur die, die verfolgt werden, sondern auch wir alle. Es wird keinen Sinn machen, mit Gewalt, mit Bomben und Granaten diese Feinde der Christenverfolgung auszurotten. Unsere Chance kann es auch nicht sein, uns abzuschotten, Grenzen dicht zu machen, damit wir ja nicht in unserer Ruhe gestört werden. Für mich ist das Feigheit. Es gibt ein anderes, viel größeres Zeichen: dieses Kreuz. Es nicht zu verstecken, sondern dieses Kreuz als Zeichen der sich verschenkenden Liebe den Menschen entgegenzuhalten. Dies war sicher auch die Motivation unserer Künstlerin. „Seht das Kreuz!“

Mehr noch: unsere Chance als Menschen und vor allem als Christen wird es sein: mitleiden mit diesen Menschen, wo es nur geht, unsere Häuser öffnen, alles unternehmen, ihr Leid erträglicher zu machen. Ich denke, keine Zeit – auch nicht die unsere, in der es uns so gut geht – kommt um das Leiden herum. Das Kreuz steht überall mitten drin. Sind wir froh, dass wir auch heute unseren Glauben an Jesus Christus haben, der allem Leiden eine neue Zukunft zu geben vermag. Sind wir dankbar, dass wir einen Papst haben, der so klar und entschieden die Barmherzigkeit in unsere Mitte stellt. Gelebte Barmherzigkeit hat unwahrscheinliche Kraft zu neuem Leben.

…in Gedanken versunken merke ich auf und blicke auf die Uhr. Es ist schon viel zu spät. Die Menschen in der Domkirche warten auf mich. Aber nun blicke ich dankbar auf die Begegnung im Schmuckladen zurück. Ja, die beiden Damen haben Recht: „das ist ein schönes Kreuz“. „Im Kreuz ist Heil – im Kreuz ist Leben“, das ist der Kernsatz des Karfreitags.